
„Blutbuch“ von Kim de l’Horizon habe ich 2022, als es den Deutschen Buchpreis gewonnen hat und überall präsent war, nicht gelesen, weil ich vermutete, dass ich es nicht mögen würde. Jetzt ist es mir zufällig in die Hände gefallen – und wie hatte ich mich getäuscht! Es ein schwieriges und anstrengendes Buch, aber es ist ein absolutes Erlebnis.
„Blutbuch“ erzählt keine lineare Geschichte und schon gar keinen Familienroman, die Kapitel sind inhaltlich und auch sprachlich so unterschiedlich, dass sie auf den ersten Blick kaum zusammenpassen, aber immer wieder dreht sich der Text in großen und kleinen Spiralen um die Mutter und die Großmutter. Es sind unsere Ahnen und die Menschen, mit denen wir die ersten Jahre unseres Lebens verbringen, die uns prägen, die unserem Leben einen Rahmen geben, innerhalb dessen wir verwurzelt sind und versuchen, uns zu entfalten, und diese unlösbare Verbundenheit ist so tröstlich wie unerträglich.
Kim de l’Horizon schreibt einen Text, in dem Fragen nach der eigenen Identität, zu der auch die non-Binarität gehört, das Fließen zwischen Welten vom kleinbürgerlichen Vorort in der Schweiz bis zur Schwulenszene in Berlin, von der Vergangenheit bis in das Jetzt, von der Selbstbestimmtheit über den eigenen Körper bis zu brutaler und getrieben wirkender Sexualität, von unendlich tief sitzendem Schmerz bis zu dessen Überwindung verhandelt werden. Der Text nimmt uns mit auf ausschweifende Recherchen zur Blutbuche oder zu Hexenprozessen, es geht um die Geschichte der Frauen, um das Nachverfolgen der eigenen Wurzeln über viele Generationen hinweg, um die Verbundenheit mit denen, die den eigenen Stammbaum bilden, aber auch die Frage nach der Verortung des eigenen Selbst in der Gesellschaft unserer Gegenwart.
Es bleibt offen, wie autofiktional das Blutbuch ist, aber es fühlt sich unmittelbar und echt an, auch wenn Kim, auftretend als erzählende und erzählte Figur in einem, inkonsequent und anstrengend ist – das ganze Buch ist anstrengend, aber es ist eben dadurch ein echtes, reales Erlebnis, das nicht davon lebt, dass man Kim in allem zustimmen oder sich selbst in allem wiederfinden müsste, ganz im Gegenteil.
Weil auch die Sprache selbst aktiv als Werkzeug eingesetzt wird und als Teil der eigenen Identität eine wichtige Rolle spielt, empfehle ich übrigens unbedingt auch das Hörbuch, von Kim de l’Horizon selbst eingelesen. Viele Passagen müssen zwingend in Berndeutsch verstanden werden und das funktioniert im Gesprochenen natürlich ungleich besser als im Geschriebenen.
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