Nach einem harten Arbeitsleben in Deutschland kauft Hüseyin eine Wohnung in Istanbul. Sie soll ein echtes Zuhause werden, ein Ziel, ein Ankommen. Doch noch während er in den frisch eingerichteten Zimmern steht und sich, vielleicht zum ersten Mal, vorsichtig ausmalt, wie das Leben sein könnte, stirbt er an einem Herzinfarkt. Seine Frau Emine und die…

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Fatma Aydemir: Dschinns [Rezension]

Nach einem harten Arbeitsleben in Deutschland kauft Hüseyin eine Wohnung in Istanbul. Sie soll ein echtes Zuhause werden, ein Ziel, ein Ankommen. Doch noch während er in den frisch eingerichteten Zimmern steht und sich, vielleicht zum ersten Mal, vorsichtig ausmalt, wie das Leben sein könnte, stirbt er an einem Herzinfarkt. Seine Frau Emine und die gemeinsamen Kinder brechen sofort auf nach Istanbul und treffen nach und nach in der Wohnung ein, die das Versprechen, das sie sein sollte, und die Hoffnung, die in sie gesetzt wurde, nicht erfüllt hat, die nun gleichzeitig voller Menschen und betäubend leer ist, und in der jetzt, inmitten der dröhnenden Stille, alles das, was unausgesprochen zwischen den Familienmitgliedern steht, plötzlich überdeutlich zu spüren ist.

In sechs Kapiteln lernen wir die sechs Familienmitglieder kennen. Ihre Perspektiven und ihre Geschichten verweben sich zu einer großen Geschichte, in der trotzdem alle am Ende allein bleiben, weil die Risse zwischen ihnen unüberwindlich tief sind.

Alle werden begleitet von ihren ganz eigenen Dschinns. Von Geistern, Gespenstern und Gestalten aus der Vergangenheit, von „Gedanken, die nur im Dunkeln zu uns kommen“ und von Wahrheiten, die immer da sind, aber nie ausgesprochen werden. Dieses unausgesprochen Bleiben schafft eine nicht zu überbrückende Distanz zwischen den Familienmitgliedern, die sich dadurch nie richtig nah kommen, obwohl sie doch unablässig umeinander kreisen und klar ist, wie sehr das Leben jedes einzelnen von der Familie und den Dschinns der anderen bestimmt werden und wie wenig man sich daraus befreien kann, wie sehr man auch um Freiheit und eine eigene Identität kämpft.

„Dschinns“ war bereits kurz nach dem Erscheinen sehr präsent und wurde viel gelobt und auch jetzt beim zweiten Mal habe ich es atemlos gelesen. Jede Perspektive ist anders, alle sind auf ihre Art intensiv, und das Ende lässt mich mit einer Gänsehaut zurück.

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