Tijan, der autobiografische Erzähler, ist 10 und lebt mit seiner Familie in einem Häuserblock, einer Raja, in Sarajevo, als dort 1992 mit dem Einschlagen einer Bombe der Krieg beginnt. Tijan erlebt den Beginn des Krieges aus den Augen eines Kindes. Er versteht vieles nicht, erlebt aber die unmittelbaren Auswirkungen des Krieges, der da begonnen hat,…

Tijan Sila: Radio Sarajevo [Rezension]

Tijan, der autobiografische Erzähler, ist 10 und lebt mit seiner Familie in einem Häuserblock, einer Raja, in Sarajevo, als dort 1992 mit dem Einschlagen einer Bombe der Krieg beginnt. Tijan erlebt den Beginn des Krieges aus den Augen eines Kindes. Er versteht vieles nicht, erlebt aber die unmittelbaren Auswirkungen des Krieges, der da begonnen hat, auf sein Leben und das der Menschen um ihn herum. Das, was er erzählt, ist eine Art Coming-of-Age-Geschichte. Wir begleiten ihn auf Streifzügen mit seinen besten Freunden, entdecken mit ihm das Sarajevo der 90er Jahre und lassen uns von ihm die ungeschriebenen Regeln des Zusammenlebens in der Raja und der Eigenheiten der Bosnier erklären. Der kindliche Blick ist eine Mischung aus schonungslos ehrlich und herzergreifend naiv. Wir freuen uns fast mit ihm gemeinsam darüber, dass die Schule ausfällt und auch später noch, als es ihm und seinen Freunden gelingt, im Schutt gefundene Pornohefte bei amerikanischen Soldaten gegen Süßigkeiten einzutauschen. Ganz unmerklich erst beginnt sich der Blick zu ändern. Tijan wächst heran, wächst in den Krieg hinein, und dieser zeigt sich immer offener von seiner grausamen Seite. War das Hauptaugenmerk gerade noch das Problem, an Batterien für das kleine Kofferradio zu kommen, um Musik hören zu können, wird in Tijans unmittelbarem Umfeld immer schonungsloser die Brutalität des Kriegs und die Verlorenheit derer, die in ihm heranwachsen, deutlich. Gerade ging es noch um das Tauschen von Süßigkeiten, plötzlich geht es in den Gesprächen mit den Soldaten um Dinge, die zu lesen kaum auszuhalten sind. Das Buch ist lustig und unglaublich traurig, Tijan bewegt sich sicher in seinem Umfeld und ist trotzdem von ständiger Gewalt bedroht, die Figuren sind gleichzeitig Helden und Verlorene und mit jedem macht der Krieg etwas, das sich nicht wieder umkehren lassen wird, das nie wieder heilen wird. Das alles erzählt Tijan so klar und leicht, dass es umso deutlicher spürbar wird.

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